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Die Seeforelle im Bodensee und seinen Zuflüssen

Zusammenfassung

Die Seeforelle (Salmo trutta L.) gehört zu denjenigen Fischen der einheimischen Ichthyofauna, welche in ihrem Lebenszyklus verschiedene Habitate beanspruchen. Die Fortpflanzung findet in den Zuflüssen der Seen auf kiesigen Laichgründen statt, die für eine ungestörte Embryonalentwicklung von kühlem, sauerstoffreichem Wasser durchströmt sein müssen. In den Fortpflanzungsgewässern oder ihrer näheren Umgebung verbringen die jungen Seeforellen oft den ersten Lebensabschnitt zusammen mit Bachforellen. Danach wandern sie – unterschiedlich für die verschiedenen Gewässersysteme – als halb- bis zweieinhalbjährige Fische in die Seen ab. Dort findet ein im Vergleich zur residenten Bachforelle beschleunigtes Wachstum statt, das bis zur Erlangung der Fortpflanzungsfähigkeit anhält. Bevor die Geschlechts- und Laichreife erreicht ist, ziehen die adulten Fische zur Fortpflanzung in die Herkunftsgewässer zurück. Der See und die Fortpflanzungshabitate können weit voneinander entfernt sein. Dieser Lebenszyklus ähnelt dem der Meerforelle und dem des Lachses, welche die Wachstumsphase allerdings küstennah oder im offenen Meer verbringen. Die Beanspruchung verschiedener Habitate macht die Seeforellen für anthropogene Einflüsse besonders empfindlich. Hindernisse auf dem Weg zu den Fortpflanzungsgebieten, Veränderungen in der Struktur der Gewässersohle z.B. durch Kolmatierung, Veränderungen im Abflussregime oder unzureichende Wassergüte in den Zuflüssen erschweren oder verhindern die Fortpflanzung ebenso wie die Befischung der noch nicht fortpflanzungsfähigen Fische in den Seen.

Die Seeforelle des Bodensees war während mehr als hundert Jahren der ganzen Palette schädlicher menschlicher Einflüsse ausgesetzt, unter denen aber die kontinuierliche Zerstückelung des See-Zuflusssystems und der unzureichende Schutz der Fische während der Wachstumsphase im See die bedeutsamsten Einwirkungen sind. Als Folge davon brach ab Mitte des letztenJahrhunderts der Bestand im See zusammen, und auf den wenigen noch zugänglichen Laichhabitaten blieben die fortpflanzungsfähigen Fische bis auf wenige Individuen aus. Der drohende Verlust der in ihrem biologischen Verhalten besonderen Seeforelle hat damit in kurzer Zeit einem während langer Jahre nur fischereiwirtschaftlich bearbeiteten Problem eine artenschützerische Dimension verliehen.
Die dramatische Entwicklung hat gegen Ende der 1970er Jahre die unabdingbare Notwendigkeit erkennbar gemacht, ein an allen Schwachstellen im See und im Zuflusssystem greifendes, also integrales Sanierungsprogramm auszulösen. Weitgehend zeitgleich wurden die Schonbestimmungen im See verschärft, die Aufstiegshindernisse in den Zuflüssen abgebaut und die Beschaffungsmöglichkeiten für autochthones Besatzmaterial verbessert. Der Schutz der Seeforelle im Bodensee hat nicht nur bei den für den Fisch unmittelbar relevanten Bestimmungen angesetzt. Alle Änderungen in den Betriebsvorschriften der Fischerei im Bodensee-Obersee werden seit mehreren Jahren auf ihre Auswirkungen auf das Seeforellengeschehen hin überprüft. Die nun während eines Vierteljahrhunderts umgesetzten Schon- und Fördermaßnahmen dieses Seeforellenprogramms blieben nicht ohne Erfolg. Die Fangerträge im See steigen wieder an, und in vielen Bodensee-Zuflüssen kommen Seeforellen, zum Teil in beachtlichen Zahlen, wieder zur Fortpflanzung. Das Sanierungsprogramm hat vor allem aber auch zu erkennen gegeben, dass gewässer- und fischökologische Probleme nicht ohne Bezug zum gesamten See- Zuflusssystem bearbeitet werden können.
Diese Erkenntnisse sollen zukünftig auch anderen fischereiwirtschaftlich weniger bedeutenden Arten zugute kommen und für andere Arbeiten im Bereich des Gewässermanagements beispielhaft sein.